gram
Bach hören, während das Patriarchat seinen letzten Atemzug tut, unter lautem Ächzen und Dröhnen der waffenfähigen Geräte.
Sie haben gedacht, wir würden sie versklaven wollen, wenn sie nicht Gewehr bei Fuss stehen. Haben geglaubt, je bequemer sie unseren Alltag gestalten, desto mehr werden wir sie lieben. Haben uns auf Händen getragen oder gefickt bis wir dachten, sie zu lieben.
Wir haben es uns selbst geglaubt.
Nur die Erschütterungen dazwischen, ein neuer Krieg, ein weiterer Mord, eine vertuschte Vergewaltigung, zu viel Armut, Krankheit, Leid und Bitterkeit, kurz einen Moment inngehalten, gedacht, echt jetzt, warum das alles, und wieder weiter im Plan. Ich wurde müde, zu erschöpft, das Thema ein nächstes Mal aufzugreifen, dann kam ich dem Erdkern ein Stück zu nahe und er adoptierte mich als sein Werkzeug, seine Sprache, ich konnte es nicht verhindern. Der Funk in beide Richtungen, die Zeiten und der Vogelmann, erzähl nur ja niemand davon, Liu, Du bist gezeichnet genug, sie wollen das alles nicht wissen, dass es wärmer wird und kälter, die Insekten sterben und die Vögel das beklagen, sie wollen den Feinstaub nicht atmen, tun so, als gäbe es ihn nicht, und schlagen die Türe hinter sich zu, im Davonbrausen ein auf die Schläfe getippter Vogel 'Die Alte spinnt doch nur, hoffentlich finde ich einen Parkplatz.' Sie fürchten sich vor den Fremden, nur weil jemand gerne lügt und ihnen sagt, alles Fremde sei schlecht. Dass sie sich selbst fremd sind hilft ihnen dabei, die Geschichtln zu glauben, und wenn sie am Schaufenster vorbei huschen, oder abends in der Straßenbahn ihrem Spiegelbild in die Augen schauen, wissen sie auf einmal nicht mehr, wie sie verdammt noch mal so alt geworden sind, das ist innen anders, es fühlt sich an wie damals, die Hoffnung und die Zweifel, sie sind die gleichen, fast.
Die Liebe, sie glimmt noch, irgendwo vergraben, und wenn sie keinen Anker findet draußen, dann wird manchmal doch ein bissen Zunder dazugetan von einer Blume, einem Tier, einem Kind oder einer lächelnden Dame, die so klein und zart über den vergangenen Winter sprechen möchte, einfach so, an der Kreuzung beim Warten auf die nächste Grünphase, weil sie so froh ist, dass er da ist, der Frühling, und dass er so langsam angegangen kommt, wie früher fast, kein Schock von kalt auf heiß, in unter zehn Sekunden.
Bach plätschert gerade wie ein aufgetauter Bergbach die bunten Kieselsteine hinab, wir haben wieder einen geschafft, vielleicht erleben wir den nächsten Sommer. Den Sommer, in dem die Herrschaft der Männer zu Ende ging, wir werden es unseren Kindern erzählen, die wir gemeinsam mit den Männer aufziehen werden, die, von all der Last der Jahrhunderte befreit, endlich erkennen können, dass keine Frau sie versklaven wollte, dass die meisten ihrer Mütter sie unbändig geliebt haben, vom ersten oder dritten Augenblick an, und ihre wunderbare Kraft, ihren Ausbruch einfach nicht ertrage konnten, und die zarten Wesen, die sie aus sich herausgepresst hatten nie in die Welt schicken wollten, sich zu beweisen, ihre Männer zu stehen, in der harten, grausamen Natur der Dinge und Wesen, und ja, es mag naiv scheinen, aber weil Bach in meinen Ohren so betrübt über diese Prinzip scheint ohne die Hoffnung völlig verloren zu haben, und weil ich weiß, dass er es auflösen kann, am Ende, ganz zum Schluss, mit dem Abbruch ohne sich dabei noch länger beobachtet zu haben und somit das Ergebnis und Ziel völlig vergessen konnte, aufgehen in dem was er geschaffen hatte, weil er Übersetzer war, ein Funkgerät am anderen Ende der Unendlichkeit, wie ich am anderen Ende vom Mittelpunkt, deswegen weiß ich, dass wir zusammen gehören, Mann & Frau, Mensch & Mensch, Pol zu Pol und Vogelmann zu Liuea, die beide gar nicht existieren, niemand tut das eigentlich, außer in den Momenten wenn er wem begegnet, der durch die Projektion hindurch sehen kann, die ganzen Masken, Spielchen und Personas, Ängste und Träume, ganz das spürt, was ist, das Unverwundbare, den Seelenkern berührt, deswegen weiß ich, dass es nicht umsonst war, dass ich das alles aufgeschrieben habe, dass ich einen Sohn geboren habe, dass ich ihn jetzt ernst nehme und beschützen werde, davor, dass etwas in seine Seele getragen wird, dass da nicht hingehört, damit er eines Tages hinausziehen kann in die Welt und ich ihn nicht aus lauter Angst festzuhalten versuchen werde, weil ich mir nicht sicher sein kann, was für eine Art Mann er würde, ich rette ihn unter Einsatz meiner gesamten Existenz, werfe mein Leben und mein Sein in die Waagschale, meine Träume, Ziele, Wünsche, meine Liebe und meine Hoffnung, den Vogelmann jemals wieder sehen zu dürfen, nur um ihn zu einem Mann werden zu lassen, einmal, der weiß, was ein Nein bedeutet und wie man die Grenzen der anderen Menschen und des Anstandes bewahrt. Und dafür dann wieder sein eigenes Leben in die Waagschale werfen kann und wird. Das ist mein kleiner Beitrag, die Welt besser zu verlassen, als ich sie vorgefunden habe. Es gibt Wichtigeres, als das Leben. Dieses.
Und bevor ich jetzt hektisch werde, oder noch mehr Pathos hinabrieseln lasse, schliesse ich mit einem wohlgemeinten 'Habt acht!'
Eure Liuea